De ces choses, l'Anglais dit l'essentiel.« Vous feriez bien,conclut-il,de partir aujourd'hui plutôt que demain.L'imposition d'un cordon sanitaire ne saurait tarderplus de quelques jours. »— « Je vous remercie »,dit Aschenbach, et il quitta l'agence.
In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lidomachte Gustav von Aschenbach einigedie Außenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmungen.Erstens schien es ihm,als ob bei steigender Jahreszeitdie Frequenz seines Gasthofes eher ab-als zunähme,und, insbesondere,als ob die deutsche Sprache um ihn her versiege und verstumme,so daß bei Tisch und am Strandendlich nur noch fremde Laute sein Ohr trafen.Eines Tages dann fing er beim Coiffeur,den er jetzt häufig besuchte,im Gespräche ein Wort auf,das ihn stutzig machte.Der Mann hatte einer deutschen Familie erwähnt,die soeben nach kurzem Verweilen abgereist warund setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu:»Sie bleiben, mein Herr;Sie haben keine Furcht vor dem Übel.«Aschenbach sah ihn an.»Dem Übel?«wiederholte er.Der Schwätzer verstummte,tat beschäftigt,überhörte die Frage,und als sie dringlicher gestellt ward,erklärte er,er wisse von nichtsund suchte mit verlegener Beredsamkeit abzulenken.
Das war um Mittag.Nachmittags fuhr Aschenbach bei Windstille und schwerem Sonnenbrand nach Venedig;denn ihn trieb die Manie,den polnischen Geschwistern zu folgen,die er mit ihrer Begleiterinden Weg zur Dampferbrücke hatte einschlagen sehen.Er fand den Abgott nicht bei San Marco.Aber beim Tee,an seinem eisernen Rundtischchenauf der Schattenseite des Platzes sitzend,witterte er plötzlich in der Luft ein eigentümliches Arom,von dem ihm jetzt schien,als habe es schon seit Tagen,ohne ihm ins Bewußtsein zu dringen,seinen Sinn berührt,—einen süßlich-offizinellen Geruch,der an Elend und Wundenund verdächtige Reinlichkeit erinnerte.Er prüfte und erkannte ihn nachdenklich,beendete seinen Imbiß und verließ den Platzauf der dem Tempel gegenüberliegenden Seite.In der Enge verstärkte sich der Geruch.An den Straßenecken hafteten gedruckte Anschläge,durch welche die Bevölkerungwegen gewisser Erkrankungen des gastrischen Systems,die bei dieser Witterung an der Tagesordnung seien,vor dem Genusse von Austern und Muscheln,auch vor dem Wasser der Kanälestadtväterlich gewarnt wurde.Die beschönigende Natur des Erlasses war deutlich.Volksgruppen standen schweigsam auf Brücken und Plätzen beisammen;und der Fremde stand spürend und grübelnd unter ihnen.
Einen Ladeninhaber,der zwischen Korallenschnüren und falschen Amethyst-Geschmeidenin der Türe seines Gewölbes lehnte,bat er um Auskunft über den fatalen Geruch.Der Mann maß ihn mit schweren Augenund ermunterte sich hastig.»Eine vorbeugende Maßregel, mein Herr!«antwortete er mit Gebärdenspiel.»Eine Verfügung der Polizei,die man billigen muß.Diese Witterung drückt,der Scirocco ist der Gesundheit nicht zuträglich.Kurz, Sie verstehen,—eine vielleicht übertriebene Vorsicht…«Aschenbach dankte ihm und ging weiter.Auch auf dem Dampfer,der ihn zum Lido zurücktrug,spürte er jetzt den Geruch des keimbekämpfenden Mittels.
Ins Hotel zurückgekehrt,begab er sich sogleich in die Halle zum Zeitungstischund hielt in den Blättern Umschau.Er fand in den fremdsprachigen nichts.Die heimatlichen verzeichneten Gerüchte,führten schwankende Ziffern an,gaben amtliche Ableugnungen wiederund bezweifelten deren Wahrhaftigkeit.So erklärte sich der Abzug des deutschen und österreichischen Elementes.Die Angehörigen der übrigen Nationen wußten offenbar nichts,ahnten nichts,waren noch nicht beunruhigt.»Man soll schweigen!«dachte Aschenbach erregt,indem er die Journale auf den Tisch zurückwarf.»Man soll das verschweigen!«Aber zugleich füllte sein Herz sich mit Genugtuungüber das Abenteuer,in welches die Außenwelt geraten wollte.Denn der Leidenschaft ist,wie dem Verbrechen,die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags nicht gemäß,und jede Lockerung des bürgerlichen Gefüges,jede Verwirrung und Heimsuchung der Welt muß ihr willkommen sein,weil sie ihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann.So empfand Aschenbach eine dunkle Zufriedenheitüber die obrigkeitlich bemäntelten Vorgängein den schmutzigen Gäßchen Venedigs,—dieses schlimme Geheimnis der Stadt,das mit seinem eigensten Geheimnis verschmolz,und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war.Denn der Verliebte besorgte nichts,als daß Tadzio abreisen könnteund erkannte nicht ohne Entsetzen,daß er nicht mehr zu leben wissen werde,wenn das geschähe.
Neuerdings begnügte er sich nicht damit,Nähe und Anblick des Schönender Tagesregel und dem Glücke zu danken;er verfolgte ihn,er stellte ihm nach.Sonntags zum Beispiel erschienen die Polen niemals am Strande;er erriet,daß sie die Messe in San Marco besuchten,er eilte dorthin,und aus der Glut des Platzesin die goldene Dämmerung des Heiligtums eintretend,fand er den Entbehrten,über ein Betpult gebeugt beim Gottesdienst.Dann stand er im Hintergrunde,auf zerklüftetem Mosaikboden,inmitten knieenden,murmelnden,kreuzschlagenden Volkes,und die gedrungene Pracht des morgenländischen Tempelslastete üppig auf seinen Sinnen.Vorn wandelte,hantierte und sang der schwergeschmückte Priester,Weihrauch quoll auf,er umnebelte die kraftlosen Flämmchen der Altarkerzen,und in den dumpfsüßen Opferduftschien sich leise ein anderer zu mischen:der Geruch der erkrankten Stadt.Aber durch Dunst und Gefunkel sah Aschenbach,wie der Schöne dort vorn den Kopf wandte,ihn suchte und ihn erblickte.
Wenn dann die Mengedurch die geöffneten Portale hinausströmteauf den leuchtenden,von Tauben wimmelnden Platz,verbarg sich der Betörte in der Vorhalle,er versteckte sich,er legte sich auf die Lauer.Er sah die Polen die Kirche verlassen,sah,wie die Geschwister sich auf zeremoniöse Artvon der Mutter verabschiedetenund wie diese sich heimkehrend zur Piazzetta wandte;er stellte fest,daß der Schöne,die klösterlichen Schwestern und die Gouvernanteden Weg zur Rechten durch das Tor des Uhrturmesund in die Merceria einschlugen,und nachdem er sie einigen Vorsprung hatte gewinnen lassen,folgte er ihnen,folgte ihnen verstohlen auf ihrem Spaziergang durch Venedig.
Er mußte stehen bleiben,wenn sie sich verweilten,mußte in Garküchen und Höfe flüchten,um die Umkehrenden vorüber zu lassen;er verlor sie,suchte erhitzt und erschöpft nach ihnenüber Brücken und in schmutzigen Sackgassenund erduldete Minuten tödlicher Pein,wenn er sie plötzlich in enger Passage,wo kein Ausweichen möglich war,sich entgegenkommen sah.Dennoch kann man nicht sagen,daß er litt.Haupt und Herz waren ihm trunken,und seine Schritte folgten den Weisungen des Dämons,dem es Lust ist,des Menschen Vernunft und Würdeunter seine Füße zu treten.
Irgendwo nahmen Tadzio und die Seinen dann wohl eine Gondel,und Aschenbach,den, während sie einstiegen,ein Vorbau, ein Brunnen verborgen gehalten hatte,tat,kurz nachdem sie vom Ufer abgestoßen,ein Gleiches.Er sprach hastig und gedämpft,wenn er den Ruderer,unter dem Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes,anwies,jener Gondel,die eben dort um die Ecke biege,unauffällig in einigem Abstand zu folgen;und es überrieselte ihn,wenn der Mensch,mit der spitzbübischen Erbötigkeit eines Gelegenheitsmachers,ihm in demselben Tone versicherte,daß er bedient,daß er gewissenhaft bedient werden solle.
So glitt und schwankte er denn,in weiche, schwarze Kissen gelehnt,der anderen schwarzen, geschnabelten Barke nach,an deren Spur die Passion ihn fesselte.Zuweilen entschwand sie ihm:dann fühlte er Kummer und Unruhe.Aber sein Führer,als sei er in solchen Aufträgen wohl geübt,wußte ihm stets durch schlaue Manöver,durch rasche Querfahrten und Abkürzungendas Begehrte wieder vor Augen zu bringen.Die Luft war still und riechend,schwer brannte die Sonne durch den Dunst,der den Himmel schieferig färbte.Wasser schlug glucksend gegen Holz und Stein.Der Ruf des Gondoliers,halb Warnung, halb Gruß,ward fernher aus der Stille des Labyrinthsnach sonderbarer Übereinkunft beantwortet.Aus kleinen, hochliegenden Gärten hingen Blütendolden,weiß und purpurn,nach Mandeln duftend,über morsches Gemäuer.Arabische Fensterumrahmungen bildeten sich im Trüben ab.Die Marmorstufen einer Kirche stiegen in die Flut;ein Bettler, darauf kauernd,sein Elend beteuernd,hielt seinen Hut hin und zeigte das Weiße der Augen,als sei er blind,ein Altertumshändler, vor seiner Spelunke,lud den Vorüberziehenden mit kriecherischen Gebärden zum Aufenthalt ein,in der Hoffnung,ihn zu betrügen.Das war Venedig,die schmeichlerische und verdächtige Schöne,—diese Stadt, halb Märchen, halb Fremdenfalle,in deren fauliger Luft die Kunst einst schwelgerisch aufwucherteund welche den Musikern Klänge eingab,die wiegen und buhlerisch einlullen.Dem Abenteuernden war es,als tränke sein Auge dergleichen Üppigkeit,als würde sein Ohr von solchen Melodien umworben;er erinnerte sich auch,daß die Stadt krank sei und es aus Gewinnsucht verheimliche,und er spähte ungezügelter ausnach der voranschwebenden Gondel.
So wußte und wollte denn der Verwirrte nichts anderes mehr,als den Gegenstand, der ihn entzündete,ohne Unterlaß zu verfolgen,von ihm zu träumen, wenn er abwesend war,und, nach der Weise der Liebenden,seinem bloßen Schattenbild zärtliche Worte zu geben.Einsamkeit, Fremde und das Glück eines späten und tiefen Rauschesermutigten und überredeten ihn,sich auch das Befremdlichsteohne Scheu und Erröten durchgehen zu lassen,wie es denn vorgekommen war,daß er, spät abends von Venedig heimkehrend,im ersten Stock des Hotelsan des Schönen Zimmertür Halt gemacht,seine Stirn in völliger Trunkenheitan die Angel der Tür gelehntund sich lange von dort nicht zu trennen vermocht hatte,auf die Gefahr,in einer so wahnsinnigen Lage ertappt und betroffen zu werden.
Dennoch fehlte es nicht an Augenblickendes Innehaltens und der halben Besinnung.Auf welchen Wegen!dachte er dann mit Bestürzung.Auf welchen Wegen!Wie jeder Mann,dem natürliche Verdienste ein aristokratisches Interessefür seine Abstammung einflößen,war er gewohnt,bei den Leistungen und Erfolgen seines Lebensder Vorfahren zu gedenken,sich ihrer Zustimmung,ihrer Genugtuung,ihrer notgedrungenen Achtung im Geiste zu versichern.Er dachte ihrer auch jetzt und hier,verstrickt in ein so unstatthaftes Erlebnis,begriffen in so exotischen Ausschweifungen des Gefühls;gedachte der haltungsvollen Strenge,der anständigen Männlichkeit ihres Wesensund lächelte schwermütig.Was würden sie sagen?Aber freilich,was hätten sie zu seinem ganzen Leben gesagt,das von dem ihren so bis zur Entartung abgewichen war,zu diesem Leben im Banne der Kunst,über das er selbst einst,im Bürgersinne der Väter,so spöttische Jünglingserkenntnisse hatte verlauten lassenund das dem ihren im Grunde so ähnlich gewesen war!Auch er hatte gedient,auch er sich in harter Zucht geübt;auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen,gleich manchen von ihnen,—denn die Kunst war ein Krieg,ein aufreibender Kampf,für welchen man heute nicht lange taugte.Ein Leben der Selbstüberwindung und des Trotzdem,ein herbes, standhaftes und enthaltsames Leben,das er zum Sinnbild für einen zarten und zeitgemäßen Heroismus gestaltet hatte,—wohl durfte er es männlich,durfte es tapfer nennen,und es wollte ihm scheinen,als sei der Eros,der sich seiner bemeistert,einem solchen Leben auf irgendeine Weise besonders gemäß und geneigt.Hatte er nicht bei den tapfersten Völkernvorzüglich in Ansehen gestanden,ja, hieß es nicht,daß er durch Tapferkeit in ihren Städten geblüht habe?Zahlreiche Kriegshelden der Vorzeithatten willig sein Joch getragen,denn gar keine Erniedrigung galt,die der Gott verhängte,und Taten,die als Merkmale der Feigheit wären gescholten worden,wenn sie um anderer Zwecke willen geschehen wären:Fußfälle, Schwüre,inständige Bitten und sklavisches Wesen,solche gereichten dem Liebenden nicht zur Schande,sondern er erntete vielmehr noch Lob dafür.
So war des Betörten Denkweise bestimmt,so suchte er sich zu stützen,seine Würde zu wahren.Aber zugleich wandte er beständig eine spürendeund eigensinnige Aufmerksamkeitden unsauberen Vorgängen im Innern Venedigs zu,jenem Abenteuer der Außenwelt,das mit dem seines Herzens dunkel zusammenfloßund seine Leidenschaft mit unbestimmten,gesetzlosen Hoffnungen nährte.Versessen darauf,Neues und Sicheres über Stand oder Fortschritt des Übels zu erfahren,durchstöberte er in den Kaffeehäusern der Stadt die heimatlichen Blätter,da sie vom Lesetisch der Hotelhalleseit mehreren Tagen verschwunden waren.Behauptungen und Widerrufe wechselten darin.Die Zahl der Erkrankungs-,der Todesfälle sollte sich auf zwanzig,auf vierzig, ja hundert und mehr belaufen,und gleich darauf wurde jedes Auftreten der Seuchewenn nicht rundweg in Abrede gestellt,so doch auf völlig vereinzelte,von außen eingeschleppte Fälle zurückgeführt.Warnende Bedenken,Proteste gegen das gefährliche Spielder welschen Behörden waren eingestreut.Gewißheit war nicht zu erlangen.
Dennoch war sich der Einsameeines besonderen Anrechtes bewußt,an dem Geheimnis teil zu haben,und, gleichwohl ausgeschlossen,fand er eine bizarre Genugtuung darin,die Wissenden mit verfänglichen Fragen anzugehenund sie,die zum Schweigen verbündet waren,zur ausdrücklichen Lüge zu nötigen.Eines Tages beim Frühstück im großen Speisesaalstellte er so den Geschäftsführer zur Rede,jenen kleinen, leise auftretenden Menschen im französischen Gehrock,der sich grüßend und beaufsichtigendzwischen den Speisenden bewegteund auch an Aschenbachs Tischchenzu einigen Plauderworten Halt machte.Warum man denn eigentlich,fragte der Gast in lässiger und beiläufiger Weise,warum in aller Welt,man seit einiger Zeit Venedig desinfiziere?—»Es handelt sich«,antwortete der Schleicher,»um eine Maßnahme der Polizei,bestimmt, allerlei Unzuträglichkeiten oder Störungen der öffentlichen Gesundheit,welche durch die brütende und ausnehmend warme Witterungerzeugt werden möchten,pflichtgemäß und beizeiten hintanzuhalten.«—»Die Polizei ist zu loben«,erwiderte Aschenbach,und nach Austausch einiger meteorologischer Bemerkungenempfahl sich der Manager.
Selbigen Tages noch,abends nach dem Diner,geschah es,daß eine kleine Bande von Straßensängern aus der Stadtsich im Vorgarten des Gasthofes hören ließ.Sie standen,zwei Männer und zwei Weiber,an dem eisernen Mast einer Bogenlampeund wandten ihre weißbeschienenen Gesichterzur großen Terrasse empor,wo die Kurgesellschaft sich bei Kaffee und kühlenden Getränkendie volkstümliche Darbietung gefallen ließ.Das Hotelpersonal,Liftboys, Kellner und Angestellte der Office,zeigte sich lauschend an den Türen zur Halle.Die russische Familie,eifrig und genau im Genuß,hatte sich Rohrstühle in den Garten hinabstellen lassen,um den Ausübenden näher zu sein,und saß dort dankbar im Halbkreise.Hinter der Herrschaft,in turbanartigem Kopftuch,stand ihre alte Sklavin.
Mandoline, Guitarre,Harmonika und eine quinkelierende Geigewaren unter den Händen der Bettelvirtuosen in Tätigkeit.Mit instrumentalen Durchführungen wechselten Gesangsnummern,wie denn das jüngere der Weiber,scharf und quäkend von Stimme,sich mit dem süß falsettierenden Tenorzu einem verlangenden Liebesduett zusammentat.Aber als das eigentliche Talent und Haupt der Vereinigungzeigte sich unzweideutig der andere der Männer,Inhaber der Guitarre und im Charakter eine Art Baryton-Buffo,fast ohne Stimme dabei,aber mimisch begabtund von bemerkenswerter komischer Energie.Oftmals löste er sich,sein großes Instrument im Arm,von der Gruppe der anderen losund drang agierend gegen die Rampe vor,wo man seine Eulenspiegeleien mit aufmunterndem Lachen belohnte.Namentlich die Russen,in ihrem Parterre,zeigten sich entzückt über soviel südliche Beweglichkeitund ermutigten ihn durch Beifall und Zurufe,immer kecker und sicherer aus sich heraus zu gehen.
Aschenbach saß an der Balustradeund kühlte zuweilen die Lippenmit einem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda,das vor ihm rubinrot im Glase funkelte.Seine Nerven nahmen die dudelnden Klänge,die vulgären und schmachtenden Melodien begierig auf,denn die Leidenschaft lähmt den wählerischen Sinnund läßt sich allen Ernstes mit Reizen ein,welche die Nüchternheit humoristisch aufnehmenoder unwillig ablehnen würde.Seine Züge waren durch die Sprünge des Gauklerszu einem fix gewordenen und schon schmerzenden Lächeln verrenkt.Er saß lässig da,während eine äußerste Aufmerksamkeit sein Inneres spannte,denn sechs Schritte von ihmlehnte Tadzio am Steingeländer.
Er stand dort in dem weißen Gürtelanzug,den er zuweilen zur Hauptmahlzeit anlegte,in unvermeidlicher und anerschaffener Grazie,den linken Unterarm auf der Brüstung,die Füße gekreuzt,die rechte Hand in der tragenden Hüfte,und blickte mit einem Ausdruck,der kaum ein Lächeln,nur eine entfernte Neugier,ein höfliches Entgegennehmen war,zu den Bänkelsängern hinab.Manchmal richtete er sich gerade auf und zog,indem er die Brust dehnte,mit einer schönen Bewegung beider Armeden weißen Kittel durch den Ledergürtel hinunter.Manchmal aber auch,und der Alternde gewahrte es mit Triumph,mit einem Taumeln seiner Vernunftund auch mit Entsetzen,wandte er zögernd und behutsamoder auch rasch und plötzlich,als gelte es eine Überrumpelung,den Kopf über die linke Schultergegen den Platz seines Liebhabers.Er fand nicht dessen Augen,denn eine schmähliche Besorgniszwang den Verwirrten,seine Blicke ängstlich im Zaum zu halten.Im Grund der Terrasse saßen die Frauen,die Tadzio behüteten,und es war dahin gekommen,daß der Verliebte fürchten mußte,auffällig geworden und beargwöhnt zu sein.Ja, mit einer Art von Erstarrunghatte er mehrmals,am Strande, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco,zu bemerken gehabt,daß man Tadzio aus seiner Nähe zurückrief,ihn von ihm fernzuhalten bedacht war—und eine furchtbare Beleidigung daraus entnehmen müssen,unter der sein Stolz sich in ungekannten Qualen wand,und welche von sich zu weisensein Gewissen ihn hinderte.
Unterdessen hatte der Guitarristzu eigener Begleitung ein Solo begonnen,einen mehrstrophigen,eben in ganz Italien florierenden Gassenhauer,in dessen Kehrreim seine Gesellschaft jedesmalmit Gesang und sämtlichem Musikzeug einfielund den er auf eine plastisch-dramatische Artzum Vortrag zu bringen wußte.Schmächtig gebaut und auch von Antlitz mager und ausgemergelt,stand er,abgetrennt von den Seinen,den schäbigen Filz im Nacken,so daß ein Wulst seines roten Haarsunter der Krempe hervorquoll,in einer Haltung von frecher Bravour auf dem Kiesund schleuderte zum Schollern der Saitenin eindringlichem Sprechgesang seine Späße zur Terrasse empor,indes vor produzierender Anstrengungdie Adern auf seiner Stirne schwollen.Er schien nicht venezianischen Schlages,vielmehr von der Rasse der neapolitanischen Komiker,halb Zuhälter, halb Komödiant,brutal und verwegen,gefährlich und unterhaltend.Sein Lied,lediglich albern dem Wortlaut nach,gewann in seinem Munde,durch sein Mienenspiel,seine Körperbewegungen,seine Art,andeutend zu blinzelnund die Zunge schlüpfrig im Mundwinkel spielen zu lassen,etwas Zweideutiges,unbestimmt Anstößiges.Dem weichen Kragen des Sporthemdes,das er zu übrigens städtischer Kleidung trug,entwuchs sein hagerer Halsmit auffallend groß und nackt wirkendem Adamsapfel.Sein bleiches, stumpfnäsiges Gesicht,aus dessen bartlosen Zügen schwer auf sein Alter zu schließen war,schien durchpflügt von Grimassen und Laster,und sonderbar wollten zum Grinsen seines beweglichen Mundesdie beiden Furchen passen,die trotzig, herrisch,fast wild zwischen seinen rötlichen Brauen standen.Was jedoch des Einsamen tiefe Achtsamkeiteigentlich auf ihn lenkte,war die Bemerkung,daß die verdächtige Figur auch ihre eigeneverdächtige Atmosphäre mit sich zu führen schien.Jedesmal nämlich,wenn der Refrain wieder einsetzte,unternahm der Sänger unter Faxen und grüßendem Handschüttelneinen grotesken Rundmarsch,der ihn unmittelbar unter Aschenbachs Platz vorüberführte,und jedesmal,wenn das geschah,wehte,von seinen Kleidern,seinem Körper ausgehend,ein Schwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor.
Nach geendigtem Couplet begann er,Geld einzuziehen.Er fing bei den Russen an,die man bereitwillig spenden sah,und kam dann die Stufen herauf.So frech er sich bei der Produktion benommen,so demütig zeigte er sich hier oben.Katzbuckelnd,unter Kratzfüßen schlich er zwischen den Tischen umher,und ein Lächeln tückischer Unterwürfigkeitentblößte seine starken Zähne,während doch immer noch die beiden Furchendrohend zwischen seinen roten Brauen standen.Man musterte das fremdartige,seinen Unterhalt einsammelnde Wesenmit Neugier und einigem Abscheu,man warf mit spitzen Fingern Münzen in seinen Filzund hütete sich, ihn zu berühren.Die Aufhebung der physischen Distanzzwischen dem Komödianten und den Anständigen erzeugt,und war das Vergnügen noch so groß,stets eine gewisse Verlegenheit.Er fühlte sie und suchte,sich durch Kriecherei zu entschuldigen.Er kam zu Aschenbach und mit ihm der Geruch,über den niemand ringsum sich Gedanken zu machen schien.
»Höre!«sagte der Einsame gedämpft und fast mechanisch.»Man desinfiziert Venedig.Warum?«—Der Spaßmacher antwortete heiser:»Von wegen der Polizei!Das ist Vorschrift, mein Herr,bei solcher Hitze und bei Scirocco.Der Scirocco drückt.Er ist der Gesundheit nicht zuträglich…«Er sprach wie verwundert darüber,daß man dergleichen fragen könneund demonstrierte mit der flachen Hand,wie sehr der Scirocco drücke.—»Es ist also kein Übel in Venedig?«fragte Aschenbach sehr leise und zwischen den Zähnen.—Die muskulösen Züge des Possenreißersfielen in eine Grimasse komischer Ratlosigkeit.»Ein Übel?Aber was für ein Übel?Ist der Scirocco ein Übel?Ist vielleicht unsere Polizei ein Übel?Sie belieben zu scherzen!Ein Übel!Warum nicht gar!Eine vorbeugende Maßregel, verstehen Sie doch!Eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drückenden Witterung…«Er gestikulierte.—»Es ist gut«,sagte Aschenbach wiederum kurz und leiseund ließ rasch ein ungebührlich bedeutendes Geldstückin den Hut fallen.Dann winkte er dem Menschen mit den Augen,zu gehen.Er gehorchte grinsend,unter Bücklingen;aber er hatte noch nicht die Treppe erreicht,als zwei Hotelangestellte sich auf ihn warfenund ihn, ihre Gesichter dicht an dem seinen,in ein geflüstertes Kreuzverhör nahmen.Er zuckte die Achseln,er gab Beteuerungen,er schwor, verschwiegen gewesen zu sein;man sah es.Entlassen, kehrte er in den Garten zurück,und, nach einer kurzen Verabredung mit den Seinen unter der Bogenlampe,trat er zu einem Dank-und Abschiedsliede noch einmal vor.
Es war ein Lied,das jemals gehört zu habender Einsame sich nicht erinnerte;ein dreister Schlager in unverständlichem Dialektund ausgestattet mit einem Lach-Refrain,in den die Bande regelmäßig aus vollem Halse einfiel.Es hörten hierbei sowohl die Wortewie auch die Begleitung der Instrumente auf,und nichts blieb übrig als ein rhythmisch irgendwie geordnetes,aber sehr natürlich behandeltes Lachen,das namentlich der Solist mit großem Talentzu täuschendster Lebendigkeit zu gestalten wußte.Er hatte bei wiederhergestelltem künstlerischen Abstandzwischen ihm und den Herrschaftenseine ganze Frechheit wiedergefunden,und sein Kunstlachen,unverschämt zur Terrasse emporgesandt,war Hohngelächter.Schon gegen das Ende des artikulierten Teiles der Stropheschien er mit einem unwiderstehlichen Kitzel zu kämpfen.Er schluchzte, seine Stimme schwankte,er preßte die Hand gegen den Mund,er verzog die Schultern,und im gegebenen Augenblick brach,heulte und platzte das unbändige Lachen aus ihm hervor,mit solcher Wahrheit,daß es ansteckend wirkteund sich den Zuhörern mitteilte,daß auch auf der Terrasse eine gegenstandsloseund nur von sich selbst lebende Heiterkeit um sich griff.Dies aber eben schien des Sängers Ausgelassenheit zu verdoppeln.Er beugte die Knie,er schlug die Schenkel,er hielt sich die Seiten,er wollte sich ausschütten,er lachte nicht mehr,er schrie;er wies mit dem Finger hinauf,als gäbe es nichts Komischeres,als die lachende Gesellschaft dort oben,und endlich lachte dann alles im Garten und auf der Veranda,bis zu den Kellnern,Liftboys und Hausdienern in den Türen.
Aschenbach ruhte nicht mehr im Stuhl,er saß aufgerichtet wie zum Versuche der Abwehroder der Flucht.Aber das Gelächter,der heraufwehende Hospitalgeruchund die Nähe des Schönenverwoben sich ihm zu einem Traumbann,der unzerreißbar und unentrinnbar sein Haupt,seinen Sinn umfangen hielt.In der allgemeinen Bewegung und Zerstreuungwagte er es,zu Tadzio hinüberzublicken,und indem er es tat,durfte er bemerken,daß der Schöne,in Erwiderung seines Blickes ebenfalls ernst blieb,ganz so,als richte er Verhalten und Miene nach der des Anderenund als vermöge die allgemeine Stimmung nichts über ihn,da jener sich ihr entzog.Diese kindliche und beziehungsvolle Folgsamkeithatte etwas so Entwaffnendes,Überwältigendes,daß der Grauhaarige sich mit Mühe enthielt,sein Gesicht in den Händen zu verbergen.Auch hatte es ihm geschienen,als bedeute Tadzios gelegentliches Sichaufrichten und Aufatmenein Seufzen,eine Beklemmung der Brust.»Er ist kränklich,er wird wahrscheinlich nicht alt werden«,dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit,zu welcher Rausch und Sehnsuchtbisweilen sich sonderbar emanzipieren,und reine Fürsorge zugleichmit einer ausschweifenden Genugtuung erfüllte sein Herz.
Die Venezianer unterdessen hatten geendigtund zogen ab.Beifall begleitete sie,und ihr Anführer versäumte nicht,noch seinen Abgang mit Spaßen auszuschmücken.Seine Kratzfüße, seine Kußhände wurden belacht,und er verdoppelte sie daher.Als die Seinen schon draußen waren,tat er noch,als renne er rückwärts empfindlich gegen einen Lampenmastund schlich scheinbar krumm vor Schmerzen zur Pforte.Dort endlich warf er auf einmaldie Maske des komischen Pechvogels ab,richtete sich,ja schnellte elastisch auf,bleckte den Gästen auf der Terrasse frech die Zunge herausund schlüpfte ins Dunkel.Die Badegesellschaft verlor sich;Tadzio stand längst nicht mehr an der Balustrade.Aber der Einsame saß noch lange,zum Befremden der Kellner,bei dem Rest seines Granatapfelgetränkes an seinem Tischchen.Die Nacht schritt vor,die Zeit zerfiel.Im Hause seiner Eltern,vor vielen Jahren,hatte es eine Sanduhr gegeben,—er sah das gebrechliche und bedeutende Gerätchenauf einmal wieder,als stünde es vor ihm.Lautlos und fein rann der rostrot gefärbte Sanddurch die gläserne Enge,und da er in der oberen Höhlung zur Neige ging,hatte sich dort ein kleiner,reißender Strudel gebildet.
Schon am folgenden Tage,nachmittags,tat der Starrsinnige einen neuen Schrittzur Versuchung der Außenweltund diesmal mit allem möglichen Erfolge.Er trat nämlich vom Markusplatzin das dort gelegene englische Reisebureau,und nachdem er an der Kasse einiges Geld gewechselt,richtete er mit der Miene des mißtrauischen Fremdenan den ihn bedienenden Clerk seine fatale Frage.Es war ein wollig gekleideter Brite,noch jung,mit in der Mitte geteiltem Haar,nahe bei einander liegenden Augenund von jener gesetzten Loyalität des Wesens,die im spitzbübisch behenden Südenso fremd, so merkwürdig anmutet.Er fing an:»Kein Grund zur Besorgnis, Sir.Eine Maßregel ohne ernste Bedeutung.Solche Anordnungen werden häufig getroffen,um gesundheitsschädlichen Wirkungen der Hitzeund des Scirocco vorzubeugen…«Aber seine blauen Augen aufschlagend,begegnete er dem Blicke des Fremden,einem müden und etwas traurigen Blick,der mit leichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war.Da errötete der Engländer.»Dies ist«,fuhr er halblaut und in einiger Bewegung fort,»die amtliche Erklärung,auf der zu bestehen man hier für gut befindet.Ich werde Ihnen sagen,daß noch etwas anderes dahinter steckt.«Und dann sagte er in seiner redlichen und bequemen Sprachedie Wahrheit.
Seit mehreren Jahren schonhatte die indische Choleraeine verstärkte Neigung zur Ausbreitung und Wanderungan den Tag gelegt.Erzeugt aus den warmen Morästen des Ganges-Deltas,aufgestiegen mit dem mephitischen Odem jener üppig-untauglichen,von Menschen gemiedenen Urwelt-und Inselwildnis,in deren Bambusdickichten der Tiger kauert,hatte die Seuche in ganz Hindustanandauernd und ungewöhnlich heftig gewütet,hatte östlich nach China,westlich nach Afghanistan und Persien übergegriffenund, den Hauptstraßen des Karawanenverkehrs folgend,ihre Schrecken bis Astrachan,ja selbst bis Moskau getragen.Aber während Europa zitterte,das Gespenst möchte von dort aus und zu Lande seinen Einzug halten,war es, von syrischen Kauffahrern übers Meer verschleppt,fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhäfen aufgetaucht,hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben,in Palermo und Neapel mehrfach seine Maske gezeigtund schien aus ganz Calabrien und Apuliennicht mehr weichen zu wollen.Der Norden der Halbinsel war verschont geblieben.Jedoch Mitte Mai dieses Jahresfand man zu Venedig an ein und demselben Tagedie furchtbaren Vibrionenin den ausgemergelten, schwärzlichen Leichnameneines Schifferknechtes und einer Grünwarenhändlerin.Die Fälle wurden verheimlicht.Aber nach einer Woche waren es deren zehn,waren es zwanzig,dreißig und zwar in verschiedenen Quartieren.Ein Mann aus der österreichischen Provinz,der sich zu seinem Vergnügen einige Tage in Venedig aufgehalten,starb, in sein Heimatstädtchen zurückgekehrt,unter unzweideutigen Anzeichen,und so kam es,daß die ersten Gerüchte von der Heimsuchung der Lagunenstadtin deutsche Tagesblätter gelangten.Venedigs Obrigkeit ließ antworten,daß die Gesundheitsverhältnisse der Stadtnie besser gewesen seienund traf die notwendigsten Maßregeln zur Bekämpfung.Aber wahrscheinlich waren Nahrungsmittel infiziert worden.Gemüse, Fleisch oder Milch,denn geleugnet und vertuscht,fraß das Sterben in der Enge der Gäßchen um sich,und die vorzeitig eingefallene Sommerhitze,welche das Wasser der Kanäle laulich erwärmte,war der Verbreitung besonders günstig.Ja, es schien,als ob die Seuche eine Neubelebung ihrer Kräfte erfahren,als ob die Tenazität und Fruchtbarkeit ihrer Erregersich verdoppelt hätte.Fälle der Genesung waren sehr selten;achtzig vom Hundert der Befallenen starbenund zwar auf entsetzliche Weise,denn das Übel trat mit äußerster Wildheit aufund zeigte häufig jene gefährlichste Form,welche »die trockene« benannt ist.Hierbei vermochte der Körperdas aus den Blutgefäßen massenhaft abgesonderte Wassernicht einmal auszutreiben.Binnen wenigen Stunden verdorrte der Krankeund erstickte am pechartig zähe gewordenen Blutunter Krämpfen und heiseren Klagen.Wohl ihm, wenn, was zuweilen geschah,der Ausbruch nach leichtem Übelbefindenin Gestalt einer tiefen Ohnmacht erfolgte,aus der er nicht mehr oder kaum noch erwachte.Anfang Juni füllten sich in der Stilledie Isolierbaracken des Ospedale civico,in den beiden Waisenhäusern begann es an Platz zu mangeln,und ein schauerlich reger Verkehr herrschtezwischen dem Kai der neuen Fundamenteund San Michele, der Friedhofsinsel.Aber die Furcht vor allgemeiner Schädigung,die Rücksicht auf die kürzlich eröffnete Gemäldeausstellungin den öffentlichen Gärten,auf die gewaltigen Ausfälle,von denen im Falle der Panik und des Verrufesdie Hotels, die Geschäfte,das ganze vielfältige Fremdengewerbe bedroht waren,zeigte sich mächtiger in der Stadtals Wahrheitsliebe und Achtung vor internationalen Abmachungen;sie vermochte die Behörde,ihre Politik des Verschweigens und des Ableugnenshartnäckig aufrecht zu erhalten.Der oberste Medizinalbeamte Venedigs,ein verdienter Mann,war entrüstet von seinem Posten zurückgetretenund unter der Hand durch eine gefügigere Persönlichkeit ersetzt worden.Das Volk wußte das;und die Korruption der Oberenzusammen mit der herrschenden Unsicherheit,dem Ausnahmezustand,in welchen der umgehende Tod die Stadt versetzte,brachte eine gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor,eine Ermutigung lichtscheuer und antisozialer Triebe,die sich in Unmäßigkeit,Schamlosigkeit und wachsender Kriminalität bekundete.Gegen die Regel bemerkte man abends viele Betrunkene;bösartiges Gesindel machte,so hieß es,nachts die Straßen unsicher;räuberische Anfälle und selbst Mordtaten wiederholten sich,denn schon zweimal hatte sich erwiesen,daß angeblich der Seuche zum Opfer gefallene Personenvielmehr von ihren eigenen Anverwandtenmit Gift aus dem Leben geräumt worden waren;und die gewerbsmäßige Liederlichkeitnahm aufdringliche und ausschweifende Formen an,wie sie sonst hier nicht bekanntund nur im Süden des Landes und im Orient zu Hause gewesen waren.
Von diesen Dingen sprach der Engländer das Entscheidende aus.»Sie täten gut«,schloß er,»lieber heute als morgen zu reisen.Länger, als ein paar Tage noch,kann die Verhängung der Sperre kaum auf sich warten lassen.«—»Danke Ihnen«,sagte Aschenbach und verließ das Amt.
In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum,—wenn man als Traum ein körperhaft-geistiges Erlebnis bezeichnen kann,das ihm zwar im tiefsten Schlafund in völligster Unabhängigkeit und sinnlicher Gegenwart widerfuhr,aber ohne daß er sich außer den Geschehnissenim Raume wandelnd und anwesend sah;sondern ihr Schauplatz war vielmehr seine Seele selbst,und sie brachen von außen herein,seinen Widerstand—einen tiefen und geistigen Widerstand—gewalttätig niederwerfend,gingen hindurch und ließen seine Existenz,ließen die Kultur seines Lebens verheert,vernichtet zurück.
Angst war der Anfang,Angst und Lustund eine entsetzte Neugier nach dem,was kommen wollte.Nacht herrschte, und seine Sinne lauschten;denn weither näherte sich Getümmel,Getöse, ein Gemisch von Lärm:Rasseln, Schmettern und dumpfes Donnern,schrilles Jauchzen dazu und ein bestimmtes Geheulim gezogenen u-Laut,alles durchsetzt und grauenhaft süß übertöntvon tief girrendem,ruchlos beharrlichen Flötenspiel,welches auf schamlos zudringende Artdie Eingeweide bezauberte.Aber er wußte ein Wort,dunkel, doch das benennend was kam:»Der fremde Gott!«Qualmige Glut glomm auf:da erkannte er Bergland,ähnlich dem um sein Sommerhaus.Und in zerrissenem Licht,von bewaldeter Höhe,zwischen Stämmen und moosigen Felstrümmernwälzte es sich und stürzte wirbelnd herab:Menschen, Tiere, ein Schwarm, eine tobende Rotte,und überschwemmte die Haldemit Leibern, Flammen, Tumult und taumelndem Rundtanz.Weiber, strauchelnd über zu lange Fellgewänder,die ihnen vom Gürtel hingen,schüttelten Schellentrommeln über ihren stöhnend zurückgeworfenen Häuptern,schwangen stiebende Fackelbrände und nackte Dolche,hielten züngelnde Schlangen in der Mitte des Leibes erfaßtoder trugen schreiend ihre Brüste in beiden Händen.Männer, Hörner über den Stirnen,mit Pelzwerk geschürzt und zottig von Haut,beugten die Nacken und hoben Arme und Schenkel,ließen eherne Becken erdröhnenund schlugen wütend auf Pauken,während glatte Knaben mit umlaubten Stäben Böcke stachelten,an deren Hörner sie sich klammertenund von deren Sprüngen sie sich jauchzend schleifen ließen.Und die Begeisterten heulten den Rufaus weichen Mitlauten und gezogenem u-Ruf am Ende,süß und wild zugleich,wie kein jemals erhörter:hier klang er auf,in die Lüfte geröhrt,wie von Hirschen,und dort gab man ihn wieder,vielstimmig, in wüstem Triumph,hetzte einander damit zum Tanzund Schleudern der Gliederund ließ ihn niemals verstummen.Aber alles durchdrang und beherrschte der tiefe,lockende Flötenton.Lockte er nicht auch ihn,den widerstrebend Erlebenden,schamlos beharrlich zum Festund Unmaß des äußersten Opfers?Groß war sein Abscheu,groß seine Furcht,redlich sein Wille,bis zuletzt das Seine zu schützengegen den Fremden,den Feind des gefaßten und würdigen Geistes.Aber der Lärm, das Geheul,vervielfacht von hallender Bergwand,wuchs, nahm Überhand,schwoll zu hinreißendem Wahnsinn.Dünste bedrängten den Sinn,der beizende Ruch der Böcke,Witterung keuchender Leiberund ein Hauch wie von faulenden Wassern,dazu ein anderer noch,vertraut:nach Wunden und umlaufender Krankheit.Mit den Paukenschlägen dröhnte sein Herz,sein Gehirn kreiste,Wut ergriff ihn,Verblendung, betäubende Wollust,und seine Seele begehrte,sich anzuschließen dem Reigen des Gottes.Das obszöne Symbol,riesig, aus Holz,ward enthüllt und erhöht:da heulten sie zügelloser die Losung.Schaum vor den Lippen tobten sie,reizten einander mit geilen Gebärden und buhlenden Händen,lachend und ächzend,—stießen die Stachelstäbe einander ins Fleischund leckten das Blut von den Gliedern.Aber mit ihnen,in ihnen war der Träumende nunund dem fremden Gotte gehörig.Ja, sie waren er selbst,als sie reißend und mordendsich auf die Tiere hinwarfenund dampfende Fetzen verschlangen,als auf zerwühltem Moosgrund grenzenlose Vermischung begann,dem Gotte zum Opfer.Und seine Seele kostete Unzucht und Raserei des Unterganges.
Aus diesem Traum erwachte der Heimgesuchteentnervt, zerrüttet und kraftlos dem Dämon verfallen.Er scheute nicht mehr die beobachtenden Blicke der Menschen;ob er sich ihrem Verdacht aussetze,kümmerte ihn nicht.Auch flohen sie ja,reisten ab;zahlreiche Strandhütten standen leer,die Besetzung des Speisesaals wies größere Lücken auf,und in der Stadt sah man selten noch einen Fremden.Die Wahrheit schien durchgesickert,die Panik, trotz zähen Zusammenhaltens der Interessenten,nicht länger hintanzuhalten.Aber die Frau im Perlenschmuck blieb mit den Ihren,sei es, weil die Gerüchte nicht zu ihr drangen,oder weil sie zu stolz und furchtlos war,um ihnen zu weichen:Tadzio blieb;und jenem, in seiner Umfangenheit,war es zuweilen,als könne Flucht und Todalles störende Leben in der Runde entfernenund er allein mit dem Schönen auf dieser Insel zurückbleiben,—ja, wenn vormittags am Meeresein Blick schwer, unverantwortlich,unverwandt auf dem Begehrten ruhte,wenn er bei sinkendem Tage durch Gassen,in denen verheimlichterweise das ekle Sterben umging,ihm unwürdig nachfolgte,so schien das Ungeheuerliche ihm aussichtsreichund hinfällig das Sittengesetz.
Wie irgend ein Liebender wünschte er,zu gefallen und empfand bittere Angst,daß es nicht möglich sein möchte.Er fügte seinem Anzüge jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu,er legte Edelsteine an und benutzte Parfüms,er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit für seine Toiletteund kam geschmückt,erregt und gespannt zu Tische.Angesichts der süßen Jugend,die es ihm angetan,ekelte ihn sein alternder Leib,der Anblick seines grauen Haares,seiner scharfen Gesichtszüge stürzte ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit.Es trieb ihn,sich körperlich zu erquicken und wiederherzustellen;er besuchte häufig den Coiffeur des Hauses.
Im Frisiermantel,unter den pflegenden Händen des Schwätzersim Stuhle zurückgelehnt,betrachtete er gequälten Blickes sein Spiegelbild.
»Grau«,sagte er mit verzerrtem Munde.
»Ein wenig«,antwortete der Mensch.»Nämlich durch Schuld einer kleinen Vernachlässigung,einer Indifferenz in äußerlichen Dingen,die bei bedeutenden Personen begreiflich ist,die man aber doch nicht unbedingt loben kannund zwar umso weniger,als gerade solchen Personen Vorurteilein Sachen des Natürlichen oder Künstlichen wenig angemessen sind.Würde sich die Sittenstrenge gewisser Leutegegenüber der kosmetischen Kunst logischerweiseauch auf ihre Zähne erstrecken,so würden sie nicht wenig Anstoß erregen.Schließlich sind wir so alt,wie unser Geist, unser Herz sich fühlen,und graues Haar bedeutet unter Umständeneine wirklichere Unwahrheit,als die verschmähte Korrektur bedeuten würde.In Ihrem Falle,mein Herr,hat man ein Recht auf seine natürliche Haarfarbe.Sie erlauben mir,Ihnen die Ihrige einfach zurückzugeben?«
»Wie das?«fragte Aschenbach.
Da wusch der Beredte das Haar des Gastesmit zweierlei Wasser,einem klaren und einem dunklen,und es war schwarz wie in jungen Jahren.Er bog es hierauf mit der Brennscheere in weiche Lagen,trat rückwärts und musterte das behandelte Haupt.
»Es wäre nun nur noch«,sagte er,»die Gesichtshaut ein wenig aufzufrischen.«
Und wie jemand,der nicht enden, sich nicht genug tun kann,ging er mit immer neu belebter Geschäftigkeitvon einer Hantierung zur anderen über.Aschenbach, bequem ruhend,der Abwehr nicht fähig,hoffnungsvoll erregt vielmehr von dem,was geschah,sah im Glase seine Brauensich entschiedener und ebenmäßiger wölben,den Schnitt seiner Augen sich verlängern,ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lides sich heben,sah weiter unten,wo die Haut bräunlich-ledern gewesen,weich aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen,seine Lippen, blutarm soeben noch,himbeerfarben schwellen,die Furchen der Wangen,des Mundes,die Runzeln der Augenunter Crème und Jugendhauch verschwinden,—erblickte mit Herzklopfen einen blühenden Jüngling.Der Kosmetiker gab sich endlich zufrieden,indem er nach Art solcher Leute dem,den er bedient hatte,mit kriechender Höflichkeit dankte.»Eine unbedeutende Nachhilfe«,sagte er,indem er eine letzte Hand an Aschenbachs Äußeres legte.»Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben.«Der Berückte ging,traumglücklich, verwirrt und furchtsam.Seine Krawatte war rot,sein breitschattender Strohhutmit einem mehrfarbigen Bande umwunden.
Lauwarmer Sturmwind war aufgekommen;es regnete selten und spärlich,aber die Luft war feucht,dick und von Fäulnisdünsten erfüllt.Flattern, Klatschen und Sausen umgab das Gehör,und dem unter der Schminke Fieberndenschienen Windgeister üblen Geschlechts im Raume ihr Wesen zu treiben,unholdes Gevögel des Meeres,das des Verurteilten Mahl zerwühlt,zernagt und mit Unrat schändet.Denn die Schwüle wehrte der Eßlust,und die Vorstellung drängte sich auf,daß die Speisen mit Ansteckungsstoffen vergiftet seien.
Auf den Spuren des Schönenhatte Aschenbach sich eines Nachmittagsin das innere Gewirr der kranken Stadt vertieft.Mit versagendem Ortssinn,da die Gäßchen, Gewässer, Brücken und Plätzchen des Labyrintheszu sehr einander gleichen,auch der Himmelsgegenden nicht mehr sicher,war er durchaus darauf bedacht,das sehnlich verfolgte Bild nicht aus den Augen zu verlieren,und zu schmählicher Behutsamkeit genötigt,an Mauern gedrückt,hinter dem Rücken Vorangehender Schutz suchend,ward er sich lange nicht der Müdigkeit,der Erschöpfung bewußt,welche Gefühl und immerwährende Spannungseinem Körper, seinem Geiste zugefügt hatten.Tadzio ging hinter den Seinen,er ließ der Pflegerin und den nonnenähnlichen Schwesternin der Enge gewöhnlich den Vortritt,und einzeln schlendernd wandte er zuweilen das Haupt,um sich über die Schulter hinwegder Gefolgschaft seines Liebhabersmit einem Blick seiner eigentümlich dämmergrauen Augen zu versichern.Er sah ihn,und er verriet ihn nicht.Berauscht von dieser Erkenntnis,von diesen Augen vorwärts gelockt,am Narrenseile geleitet von der Passion,stahl der Verliebte sich seiner unziemlichen Hoffnung nach—und sah sich schließlich dennoch um ihren Anblick betrogen.Die Polen hatten eine kurz gewölbte Brücke überschritten,die Höhe des Bogens verbarg sie dem Nachfolgenden,und seinerseits hinaufgelangt,entdeckte er sie nicht mehr.Er forschte nach ihnen in drei Richtungen,geradeaus und nach beiden Seitenden schmalen und schmutzigen Quai entlang,vergebens.Entnervung, Hinfälligkeit nötigten ihn endlich,vom Suchen abzulassen.
Sein Kopf brannte,sein Körper war mit klebrigem Schweiß bedeckt,sein Genick zitterte,ein nicht mehr erträglicher Durst peinigte ihn,er sah sich nach irgendwelcher,nach augenblicklicher Labung um.Vor einem kleinen Gemüseladen kaufte er einige Früchte,Erdbeeren, überreife und weiche Wareund aß im Gehen davon.Ein kleiner Platz,verlassen, verwunschen anmutend,öffnete sich vor ihm,er erkannte ihn,es war hier gewesen,wo er vor Wochen den vereitelten Fluchtplan gefaßt hatte.Auf den Stufen der Zisterne,inmitten des Ortes,ließ er sich niedersinkenund lehnte den Kopf an das steinerne Rund.Es war still,Gras wuchs zwischen dem Pflaster.Abfälle lagen umher.Unter den verwitterten,unregelmäßig hohen Häusern in der Rundeerschien eines palastartig,mit Spitzbogenfenstern,hinter denen die Leere wohnte,und kleinen Löwenbalkonen.Im Erdgeschoß eines anderen befand sich eine Apotheke.Warme Windstöße brachten zuweilen Karbolgeruch.
Er saß dort, der Meister,der würdig gewordene Künstler,der Autor des »Elenden«,der in so vorbildlich reiner Formdem Zigeunertum und der trüben Tiefe abgesagt,dem Abgrunde die Sympathie gekündigtund das Verworfene verworfen hatte,der Hochgestiegene,der, Überwinder seines Wissens und aller Ironie entwachsen,in die Verbindlichkeiten des Massenzutrauens sich gewöhnt hatte,er, dessen Ruhm amtlich,dessen Name geadelt warund an dessen Styl die Knabensich zu bilden angehalten wurden,—er saß dort,seine Lider waren geschlossen,nur zuweilen glitt,rasch sich wieder verbergend,ein spöttischer und betretener Blickseitlich darunter hervor,und seine schlaffen Lippen,kosmetisch aufgehöht,bildeten einzelne Worte aus von dem,was sein halb schlummerndes Hirnan seltsamer Traumlogik hervorbrachte.
»Denn die Schönheit, Phaidros, merke das wohl!nur die Schönheit ist göttlich und sichtbar zugleich,und so ist sie denn also des Sinnlichen Weg,ist, kleiner Phaidros,der Weg des Künstlers zum Geiste.Glaubst du nun aber,mein Lieber,daß derjenige jemals Weisheitund wahre Manneswürde gewinnen könne,für den der Weg zum Geistigen durch die Sinne führt?Oder glaubst du vielmehr(ich stelle dir die Entscheidung frei),daß dies ein gefährlich-lieblicher Weg sei,wahrhaft ein Irr-und Sündenweg,der mit Notwendigkeit in die Irre leitet?Denn du mußt wissen,daß wir Dichter den Weg der Schönheit nicht gehen können,ohne daß Eros sich zugeselltund sich zum Führer aufwirft;ja, mögen wir auch Helden auf unsere Artund züchtige Kriegsleute sein,so sind wir wie Weiber,denn Leidenschaft ist unsere Erhebung,und unsere Sehnsucht muß Liebe bleiben,—das ist unsere Lust und unsere Schande.Siehst du nun wohl,daß wir Dichter nicht weise noch würdig sein können?Daß wir notwendig in die Irre gehen,notwendig liederlich und Abenteurer des Gefühles bleiben?Die Meisterhaltung unseres Styls ist Lüge und Narrentum,unser Ruhm und Ehrenstand eine Posse,das Vertrauen der Menge zu uns höchst lächerlich,Volks-und Jugenderziehung durch die Kunstein gewagtes, zu verbietendes Unternehmen.Denn wie sollte wohl der zum Erzieher taugen,dem eine unverbesserliche und natürliche Richtungzum Abgrunde eingeboren ist?Wir möchten ihn wohl verleugnen und Würde gewinnen,aber wie wir uns auch wenden mögen,er zieht uns an.So sagen wir etwa der auflösenden Erkenntnis ab,denn die Erkenntnis, Phaidros,hat keine Würde und Strenge:sie ist wissend, verstehend, verzeihend,ohne Haltung und Form;sie hat Sympathie mit dem Abgrund,sie ist der Abgrund.Diese also verwerfen wir mit Entschlossenheit,und fortan gilt unser Trachten einzig der Schönheit,das will sagen der Einfachheit,Größe und neuen Strenge,der zweiten Unbefangenheit und der Form.Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros,führen zum Rausch und zur Begierde,führen den Edlen vielleicht zu grauenhaftem Gefühlsfrevel,den seine eigene schöne Strenge als infam verwirft,führen zum Abgrund,zum Abgrund auch sie.Uns Dichter, sage ich,führen sie dahin,denn wir vermögen nicht,uns aufzuschwingen,wir vermögen nur auszuschweifen.Und nun gehe ich, Phaidros,bleibe du hier;und erst wenn du mich nicht mehr siehst,so gehe auch du.«
* * * * *
Einige Tage später verließ Gustav von Aschenbach,da er sich leidend fühlte,das Bäder-Hotel zu späterer Morgenstunde als gewöhnlich.Er hatte mit gewissen,nur halb körperlichen Schwindelanfällen zu kämpfen,die von einer heftig aufsteigenden Angst und Ratlosigkeit begleitet waren,einem Gefühl der Ausweg-und Aussichtslosigkeit,von dem nicht klar wurde,ob es sich auf die äußere Weltoder auf seine eigene Existenz bezog.In der Halle bemerkte er eine große Mengezum Transport bereitliegenden Gepäcks,fragte einen Türhüter,wer es sei, der reise,und erhielt zur Antwort den polnischen Adelsnamen,dessen er insgeheim gewärtig gewesen war.Er empfing ihn,ohne daß seine verfallenen Gesichtszüge sich verändert hätten,mit jener kurzen Hebung des Kopfes,mit der man etwas,was man nicht zu wissen brauchte,beiläufig zur Kenntnis nimmt,und fragte noch:»Wann?«Man antwortete ihm:»Nach dem Lunch.«Er nickte und ging zum Meere.
Es war unwirtlich dort.Über das weite, flache Gewässer,das den Strand von der ersten gestreckten Sandbank trennte,liefen kräuselnde Schauer von vorn nach hinten.Herbstlichkeit, Überlebtheit schien über dem einst so farbig belebten,nun fast verlassenen Lustorte zu liegen,dessen Sand nicht mehr reinlich gehalten wurde.Ein photographischer Apparat,scheinbar herrenlos,stand auf seinem dreibeinigen Stativ am Rande der See,und ein schwarzes Tuch,darüber gebreitet,flatterte klatschend im kälteren Winde.
Tadzio, mit drei oder vier Gespielen,die ihm geblieben waren,bewegte sich zur Rechten vor der Hütte der Seinen,und, eine Decke über den Knieen,etwa in der Mitte zwischen dem Meer und der Reihe der Strandhüttenin seinem Liegestuhl ruhend,sah Aschenbach ihm noch einmal zu.Das Spiel, das unbeaufsichtigt war,denn die Frauen mochten mit Reisevorbereitungen beschäftigt sein,schien regellos und artete aus.Jener Stämmige,im Gürtelanzug und mit schwarzem,pomadisiertem Haar,der »Jaschu« gerufen wurde,durch einen Sandwurf ins Gesicht gereizt und geblendet,zwang Tadzio zum Ringkampf,der rasch mit dem Fall des schwächeren Schönen endete.Aber als ob in der Abschiedsstundedas dienende Gefühl des Geringerensich in grausame Roheit verkehreund für eine lange Sklaverei Rache zu nehmen trachte,ließ der Sieger auch dann noch nicht von dem Unterlegenen ab,sondern drückte,auf seinem Rücken knieend,dessen Gesicht so anhaltend in den Sand,daß Tadzio,ohnedies vom Kampf außer Atem,zu ersticken drohte.Seine Versuche,den Lastenden abzuschütteln,waren krampfhaft,sie unterblieben auf Augenblicke ganzund wiederholten sich nur noch als ein Zucken.Entsetzt wollte Aschenbach zur Rettung aufspringen,als der Gewalttätige endlich sein Opfer freigab.Tadzio, sehr bleich,richtete sich zur Hälfte auf und saß,auf einen Arm gestützt,mehrere Minuten lang unbeweglich,mit verwirrtem Haar und dunkelnden Augen.Dann stand er vollends auf und entfernte sich langsam.Man rief ihn,anfänglich munter,dann bänglich und bittend;er hörte nicht.Der Schwarze,den Reue über seine Ausschreitungsogleich erfaßt haben mochte,holte ihn ein und suchte ihn zu versöhnen.Eine Schulterbewegung wies ihn zurück.Tadzio ging schräg hinunter zum Wasser.Er war barfuß und trug seinen gestreiften Leinenanzugmit roter Schleife.
Am Rande der Flut verweilte er sich,gesenkten Hauptes mit einer Fußspitze Figuren im feuchten Sande zeichnend,und ging dann in die seichte Vorsee,die an ihrer tiefsten Stellenoch nicht seine Knie benetzte,durchschritt sie, lässig vordringend,und gelangte zur Sandbank.Dort stand er einen Augenblick,das Gesicht der Weite zugekehrt,und begann hierauf,die lange und schmale Strecke entblößten Grundesnach links hin langsam abzuschreiten.Vom Festlande geschieden durch breite Wasser,geschieden von den Genossen durch stolze Laune,wandelte er,eine höchst abgesonderte und verbindungslose Erscheinung,mit flatterndem Haar dort draußen im Meere,im Winde, vorm Nebelhaft-Grenzenlosen.Abermals blieb er zur Ausschau stehen.Und plötzlich,wie unter einer Erinnerung,einem Impuls,wandte er den Oberkörper,eine Hand in der Hüfte,in schöner Drehung aus seiner Grundpositurund blickte über die Schulter zum Ufer.Der Schauende dort saß wie er einst gesessen,als zuerst, von jener Schwelle zurückgesandt,dieser dämmergraue Blick dem seinen begegnet war.Sein Haupt war an der Lehne des Stuhleslangsam der Bewegung des draußen Schreitenden gefolgt;nun hob es sich,gleichsam dem Blicke entgegen,und sank auf die Brust,so daß seine Augen von unten sahen,indes sein Antlitz den schlaffen,innig versunkenen Ausdruck tiefen Schlummers zeigte.Ihm war aber,als ob der bleiche und liebliche Psychagogdort draußen ihm lächle,ihm winke;als ob er,die Hand aus der Hüfte lösend,hinausdeute,voranschwebe ins Verheißungsvoll-Ungeheure.Und wie so oftmachte er sich auf,ihm zu folgen.
Minuten vergingen,bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zur Hilfe eilte.Man brachte ihn auf sein Zimmer.Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschĂĽtterte Welt die Nachricht von seinem Tode.
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